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Paul Sprenger


Foto Allgemeine Bauzeitung 1855

Persönliche Daten
Ausbildung, Studienreisen, internationale Aufenthalte
Beruflicher Werdegang, Lehrtätigkeit
Auszeichnungen und Ämter
Mitgliedschaften
Vita
Stellenwert
Werke
Primärquellen
Sekundärquellen
Anmerkungen
Persönliche Daten
* 20.08.1798 - † 29.10.1854
Geschlecht: m
Geburtsort: Zagán
damaliger Name: Sagan, Niederschlesien
Land: Polen
damaliger Name: Preußen
Sterbeort: Wien
Land: Österreich
damaliger Name: Österreich
Titel: k.k. Hofbaurat, Sektionsrat
weitere Namen: Paul Wilhelm Eduard S.
Religionsbekenntnis: Röm. - Kath.
Berufsbezeichnung: Architekt, Hofbaurat
Familiäres Umfeld: Vater: Johann Georg S., Sagan’scher Kastellan
Mutter: Johanna Rosalia, geb. Tschackert
Ehe (1840) mit Katharina Patzelt (1816–1895)
Kinder: Paul Wilhelm (1841–1878), Zivilingenieur; Wilhelmine, verehel. Nowak (*1843)
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Ausbildung, Studienreisen, internationale Aufenthalte
vor 1817Kunst- und Bauhandwerkschule in Breslau / Wroclaw, PL
1817Akademie der bildenden Künste Wien, Erzverschneiderschule
1818–1823Polytechnisches Institut Wien (1819/1820 Unterbrechung)
1820–1824Akademie der bildenden Künste Wien, Architekturschule
1843Studienreise nach Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland und England (im Auftrag der Regierung)
1851Studienreise nach England und Frankreich (i.A. der Regierung)
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Beruflicher Werdegang, Lehrtätigkeit
1825Assistent für Land- und Wasserbaukunst, Polytechnisches Institut Wien
1827provis. Professor der Mathematik, Wiener Akademie
1828–1842Professor der Mathematik u. Perspektive, Wiener Akademie
1841–1844Professor der Perspektive für Maler, Wiener Akademie
1842Hofbaurat
1844Direktor der Ungarischen Central-Eisenbahn-Gesellschaft
1849Sektionsrat im Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten
1850Vorsteher der Sektion für Architektur bei der General-Baudirektion
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Auszeichnungen und Ämter
1818Gundelpreis (Silber)
1820Gundelpreis (Gold)
1835ordentl. Rat der Wiener Akademie
1841k.k. Rat
1842Ehrenbürger der Stadt Wien
1850Kaiser Franz Josef-Orden (Komturkreuz)
1853Mitglied des Bau- und Kunstcomité für die Errichtung der Votivkirche
o.J.Mitglied der Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale
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Mitgliedschaften
1854Altertumsverein
o.J.Landwirtschaftl. Gesellschaft in Wien
o.J.Accademia di Brera, Mailand
o.J.korr. Mitglied des Royal Institute of British Architects
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Vita
Paul Sprenger wurde 1798 in Sagan in Niederschlesien (heute Polen) als Sohn eines Schlossverwalters der Herzogin von Sagan geboren. Wilhelmine von Sagan finanzierte in Sprengers Jugendzeit seine Ausbildung. Sie war – als Geliebte des Staatskanzlers Metternich – eine der einflussreichsten Frauen des Wiener Vormärz, und sie dürfte eine unterstützende Rolle auch bei Sprengers Karriere gespielt haben.

Nach dem Besuch der Kunst- und Bauhandwerkschule in Breslau kam Sprenger 1817 nach Wien, wo er an der Akademie der bildenden Künste in der Erzverschneiderschule einen Kurs der schönen Baukunst absolvierte und 1818 bis 1823 (mit Unterbrechung 1819–1820) am Polytechnischen Institut Mathematik, Chemie, Physik, Mechanik sowie Land- und Wasserbaukunst studierte. 1820–1824 besuchte er die Architekturschule von Nobile. Als begabter Student erhielt er 1818 den silbernen Gundelpreis als Verzierungszeichner, 1820 den goldenen Gundelpreis für architektonische Zeichnung. Neben seinem Studium arbeitete Sprenger auch für Nobile, Moreau und Kudriaffsky.

1824 bzw. 1825 wirkte er als Assistent am Polytechnikum (Land- und Wasserbaukunst), 1827 wurde Sprenger auf Empfehlung Nobiles zuerst provisorischer, dann 1828 ordentlicher Professor der Mathematik und Perspektive an der Wiener Akademie. Daneben errichtete er Privatbauten (etwa die Villa des Grafen Revitzky, 1836). Aber die wichtigsten Aufträge erhielt er von der Behörde, so entstanden nach seinen Plänen großdimensionierte Verwaltungsbauten in Wien: Hauptmünzamt (1835), Hauptzollamt (1840–1844) und Finanzlandesdirektion (1841–1847) sind zusammen mit dem Polytechnischen Institut von J. Schemerl, dem Landesgericht von J. Fischer und das k.k. Militärgeographische Institut von F. Mayern die wichtigsten öffentlichen Gebäude, die am Glacisrand bis 1848 errichtet wurden.

Obwohl er die größten Aufträge für Staatsbauten schon vor seiner Berufung in den Hofbaurat (1842) erhalten hatte, wurde im Lauf der Zeit Sprengers Name zunehmend mit dieser Institution identifiziert. Der Hofbaurat war in Sprengers Ära die damalige oberste Baubehörde, deren Hauptaufgabe in der Prüfung, Berichtigung und Verbesserung der eingereichten Baupläne bestand, und Sprengers Amtsführung begründete nicht zum Geringsten den schlechten Ruf, der ihm schon zu Lebzeiten anhaftete. Vor allem wurde ihm vorgeworfen (und der Vorwurf ist auch heute noch geltend), dass er das Amt des Hofbaurates benutzt hätte, um ihm nicht genehme Architekturäußerungen zu unterdrücken und Aufträge für die wenigen staatlichen Bauten, die im Vormärz geplant wurden, dem Hofbaurat zukommen zu lassen. Eine von Sprengers positiven Seiten – er soll laut seinen Anhängern junge tüchtige Kräfte in seinen Kreis gezogen und ausgebildet haben – ist allerdings bis heute noch wenig erforscht.

1843 unternahm Sprenger im allerhöchsten Auftrag eine bauwissenschaftliche Reise durch Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland und England. Unmittelbar nach dieser Reise (1844) wurde er zum Direktor der Ungarischen Central-Eisenbahn-Gesellschaft ernannt und in dieser Funktion entwarf er auch einige Hochbauten (etwa den Bahnhof in Pest). 1846–1847 erfolgte die Errichtung des Gebäudes für die n.ö. Statthalterei in Wien.

Erst im Revolutionsjahr 1848 hat sich die Architektenschaft mit Erfolg gegen die oberste Baubehörde aufgelehnt. Mit der Konstituierung des Architektenvereins (eigentlich als Teil des Österr. Ingenieur-Vereins) wurde die Zusicherung des freien Wettbewerbs für alle größeren Staatsbauten garantiert. Ausgangspunkt für dieses Ereignis war Sprengers Alleingang sowie die Stilwahl bei der Erbauung der Altlerchenfelderkirche. Ein einmütiges Vorgehen gegen Sprenger, wie es aus späterer Sicht erscheint, war es jedoch auf keinen Fall; dazu waren die Wiener Künstler untereinander auch viel zu uneins. Jedenfalls der freie Wettbewerb und die Einrichtung eines Ministeriums für öffentliche Arbeiten (das allerdings nur kurzen Bestand hatte) hatten den Weg zur „Monumentalarchitektur“ bereitet, welche die zweite Hälfte des Jahrhunderts dominierte. Paradoxerweise verhinderte gerade Sprenger mit seinem Gutachten ein Manko des neuen Wettbewerbsgesetzes (1849) und er trug auf diese Weise sogar zur Verbesserung der neuen Regelung bei. Denn nach dem ursprünglichen Plan sollten die am Wettbewerb beteiligten Architekten automatisch in der Jury auch Sitz und Stimme erhalten.

Sprenger galt für seine Kollegen gleichsam als Metternich der bildenden Künste und die Revolution wurde auch als Sprengers Sturz interpretiert. Tatsächlich bewirkte die Revolution von 1848 zwar die Aufhebung des Hofbaurates, doch war damit keineswegs ein „Sturz“ Sprengers verbunden. Er wurde von mächtigen Stellen (vielleicht der Kaiserin Carolina Augusta) gehalten und konnte sich in der Öffentlichkeit als der Fachmann schlechthin in allen Bauangelegenheiten etablieren. 1848 wurde er mit der Adaptierung der Winterreitschule zum Sitzungsraum des Konstituierenden Reichstags beauftragt. Ein Jahr danach erfolgte seine Ernennung zum Sektionsrat im Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten und 1850 zum Vorsteher der Sektion für Architektur bei der General-Baudirektion. Hier übte er eine vielseitige bauadministrative, beratende und leitende Tätigkeit aus, bei der ihm sein praktischer Realismus trefflich zustatten kam. Die Franz-Josefs-Kaserne und der Umbau des Barbara-Klosters in der Postgasse etwa gehören zu den von ihm geleiteten Bauvorhaben. 1850 wurde Sprenger von Unterrichtsminister Thun in die Akademiereform einbezogen. 1850 und 1852 legte er Stadterweiterungsvorschläge vor.

Paul Sprenger starb noch rüstig und viel beschäftigt als Folge einer Cholera-Epidemie im 56.Lebensjahr in Wien.
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Stellenwert
Dem Wunsch folgend, sich als die Erneuerer der Baukunst zu präsentieren, zögerten die Ringstraßenarchitekten nicht, sich radikal von ihren „Vätern“ abzugrenzen. So gerieten die Verdienste ihres Lehrers Pietro Nobile bald in Vergessenheit, während Paul Sprenger die Rolle des Sündenbocks zugeteilt wurde, nicht nur als Personifizierung des Hofbaurates – und der verhassten Baubürokratie –, sondern auch auf Grund seiner architektonischen Tätigkeit. Die Kritiker des 19. Jahrhunderts – allen voran Rudolf v. Eitelberger – nährten diese negative Einschätzung, und beeinflussten auch die folgenden Theoretiker. Dieser Tatsache verdanken wir auch noch heute das Vorurteil gegenüber Sprenger und seinem Werk, das jedenfalls die Architektur des Vormärz prägte. Eine ausgedehnte Auseinandersetzung mit Sprengers Schaffen fehlt, abgesehen von zwei unveröffentlichten Dissertationen (Cerny 1967; Schmalhofer 2000), immer noch.

Wie Hoffmann 1972 schreibt, wurde mit dem fast systematisch betriebenen Rufmord an Sprenger durch den bedeutenden Kunsthistoriker Rudolf v. Eitelberger dann schließlich insgesamt der Stab über eine Architekturepoche gebrochen, die in Wahrheit ein solides Fundament für die Anfänge der Stadterweiterung abgab. Ausgangspunkt für die vielen Schmähungen Eitelbergers gegen Sprenger wurde der Vorgang für die Erbauung der Altlerchenfelderkirche: Springer (1980) meint, dass die Ausschmückung der Ereignisse in heldenhaft-dramatischer Weise wohl im Wesentlichen auf Eitelberger zurückgeht, der ab etwa 1860 in seinen Aufsätzen und Vorträgen das Jahr 1848 als Befreiungsjahr für die Kunst pries. Seine Autorität ist bei der folgenden Kunsthistoriographie eines Vincenti, Lützow, Bodenstein oder z.T. auch Hevesi spürbar. Von diesen wurde Sprenger als Hauptrepräsentant eines steril gewordenen – bloß im Sinne des Sparprogramms bevorzugten – Spätklassizismus apostrophiert.

Eine objektive Betrachtung zeigt, dass Sprenger insbesondere bei der Verwaltungsbauten als Hauptmeister der kubischen Architektur des Vormärz anzusehen ist. In seinen späteren Bauten finden sich sodann auch charakteristische Züge des romantischen Historismus.

Die funktionalistische Architektur des von Sprenger geprägten Vormärz war von J. N. L. Durand und seinen Theorien über die Bedeutung der inneren Wahrhaftigkeit des Bauens stark beeinflusst und Sprenger wurde auf diese Weise ein wichtiger Vorläufer für die moderne Baukunst in Österreich. Wie Wagner-Rieger 1972 betonte, bestimmten die im Sinne einer architektonischen Sachlichkeit bevorzugten kubischen Bauformen die gesamte Leistung Sprengers, der es als Mathematiker und Lehrer der Geometrie eigentlich als irrelevant empfand, ob sich an der Oberfläche der Bauten Motive klassizistischer oder bereits romantisch-historistischer Prägung ansiedelten. Heute gilt er als Meister der inneren Konstruktion, dem die bequeme und überschaubare Raumverteilung sowie die Zweckmäßigkeit oberstes Gesetz war. Ungeachtet seiner lebhaften Empfindung für das Große und Schöne sollte die Fassade „nur als Folge der inneren Konstruktion […] mehr das dem Zweck entsprechende als das rein malerisch Schöne ausdrücken“. So sind seine Fassaden von edlen Verhältnissen, einfach und jede nicht motivierte Dekoration wird vermieden.

Sprengers Hauptwerke sind die ärarischen Bauten. Im Laufe eines Jahrzehntes (1835–1846) wurden nach seinen Plänen das Hauptmünzamt, das Hauptzollamt, die Finanzlandesdirektion und die n.ö. Statthalterei errichtet – in einer Zeit, die immer noch unter den Folgen der Franzosenkriege litt und in der die geringen finanziellen Mittel der architektentonischen Tätigkeit Grenzen setzte. Bei diesen Bauten ist die regelmäßige Anordnung der Grundrisse, die großzügige Gliederung der weitläufigen Treppenhäuser sowie die zentrale Erschließung der Einzelräume durch ein durchdachtes Gangsystem charakteristisch – lauter Motive, die der Sachlichkeit von Durand entsprechen und diesen Bauten bei geringer Prunkentfaltung ein architektonisches Gleichgewicht sichern.

Das 1835–1838 ausgeführte Hauptmünzamt (Wien 3, Am Heumarkt 1) wurde von den Zeitgenossen als großartiges Bauwerk kommentiert. Die undekorierten Massen des kubischen Baus erheben sich über einem regelmäßigen Grundriss, bei dem ein rechteckiger Hof das Kernstück des breit gelagerten Blocks bildet. Die Hauptfassade wird von einem fünfachsigen Mittelrisalit, der von einer mit Schrifttafel und Figuren versehenen Attika bekrönt ist, rhythmisiert. In der Fassadenkomposition heben sich die mit Halbkreisbogen schließenden Fenster, die an italienische Renaissancemotive anklingen, besonders hervor. Lediglich der dem dreiteiligen Portal vorgelegte Portikus mit Doppelsäulen, die einen Balkon tragen, setzt einen plastischen und repräsentativen Akzent.

Das ehem. Hauptzollamt wurde 1840–1844 nach Plänen Sprengers durch die Stadtbaumeister A. Korompay und L. Mayer errichtet. Der Baugrund lag im Überschwemmungsgebiet des Wienflusses und des Donaukanals sowie nächst dem Hafenbassin des ehem. Wiener Neustädter Kanals und es waren daher bei der Planung viele Schwierigkeiten zu überwinden. Das Gebäude umfasste zwei Höfe und wurde mittels Arkadenbögen mit der Finanzlandesdirektion zu einem weitläufigen Komplex vereinigt. Das Gebäude der ehemaligen Finanzlandesdirektion entstand zwischen 1841 und 1847. Der Typus ist noch dem spätklassizistischen Massenbau verpflichtet. Dagegen tauchen sowohl in der von bekrönenden Figuren begleiteten Portalzone wie auch bei den Fensterrahmen Motive auf, die über den Klassizismus hinausgehen und Formen renaissancemäßiger Provenienz aufgreifen. Die Plastiken der Finanzlandesdirektion blieben eine singuläre Erscheinung in der ansonsten auf einfach profilierte Fensterumrahmungen und Gesimse beschränkten Gestaltungsweise Sprengers im Vormärz. Laut Wagner-Rieger 1972 flossen hier bereits romantisch-historistische Baugedanken in die Formenwelt Sprengers ein, die sich dann bei allen seinen folgenden Werken noch um ein beträchtliches Ausmaß verdichten sollten.

In den Werken Paul Sprengers, die er kurz vor der Märzrevolution plante, zeichnen sich bereits Übergänge vom kubischen Stil zu einer reicheren, dekorativen Fassadengestaltung ab. Die Stilelemente, die Sprenger für die Verzierung verwendete, stammten vorwiegend aus der italienischen Frührenaissance. Beim Hofkammerarchiv in der Johannesgasse (als Umbau und Zubau des alten Mariazellerhofs 1843–1844 entstanden) und vor allem bei der nö. Statthalterei in der Herrengasse 11 (von I. Lössl 1846–1847 ausgeführt) setzten rundbogige Fenster ebenso wie dekorative Terrakotta-Rahmen italienische Anregungen auf einem strukturell noch kubischen und unakzentuierten Bau um. Diese Stilwende fand jedoch in der zeitgenössischen Kritik keinen Anklang und wurde schnell und pejorativ mit der Bezeichnung „k.k. Statthaltereistil“ bedacht.

Die Hinwendung Sprengers zu einer fast strenghistoristischen Haltung findet man lediglich in seinen nicht realisierten Projekten. 1845 erfolgte die Wende mit dem Entwurf für einen Gedächtnisbau für Kaiser Franz in neogotischen Formen. Auf Antrag der Kirchengemeindevorsteher für die Altlerchenfelderkirche verfasste Sprenger zuerst ebenfalls einen gotischen Entwurf, der aber von der nö. Landesregierung aus Kostengründen verworfen wurde, und Sprenger erarbeitete 1847 einen Plan im – kostengünstigeren – „Jesuitenstil“. Angesichts der heftigen Kontroverse, die Sprengers Entwurf provozierte, ist es bemerkenswert, dass der Unterschied zu dem von J.G. Müller ausgeführten Bau keineswegs so prinzipieller Natur war. Im Gegenteil – es handelt sich in beiden Fällen um typische Leistungen des romantischen Historismus, der großen Wert auf weite Flächen für die Freskenausstattung legte. Dass der Entwurf von Müller nicht so weit von Sprengers Intention lag, beweist die Tatsache, dass Sprenger die Vortrefflichkeit des neuen Planes von J.G. Müller rückhaltlos hervorhob und sich dafür einsetzte, die Bausumme für den viel aufwendigeren Bau zu erhöhen.

1848–1849 vollzog Sprenger auch eine Annäherung an reine Renaissanceformen in seinem Entwurf für ein neues Hofoperntheater am Kärntnertor. Die Architektur ist im Vergleich zu anderen seiner Bauten weniger streng klassizistisch und vermutlich wollte er – dem allgemeinen Zug zum echten Materialbau folgend – einen Ziegelbau errichten.

Sprenger beschäftigte sich in seiner Laufbahn auch mit Restaurierungen. Das Verständnis für das gotische Erbe war in Österreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr mangelhaft: 1841–1842 (nach anderen Quellen 1836–1844) erfolgte nach Plänen Sprengers daher ungeachtet der originalen Substanz die Versteifung der Turmspitze von St.Stephan durch ein Eisengerippe. Für eine auf Authentizität bedachte Restaurierungshaltung musste man auf Friedrich Schmidt warten: 20 Jahre später wurde die armierte Turmspitze wegen schwerer Rostsprengungen von Schmidt wieder abgetragen und durch Steinmetzarbeiten ersetzt.

Besser widerstand den Fährnissen der neogotische Turmhelm der Augustinerkirche, den Sprenger 1848–1852 als Ersatz für den 1848 durch Brand zerstörten Barockhelm konstruierte. Der Gründervater der österreichischen Kunstgeschichte Eduard Melly kommentierte allerdings, dass Sprenger „unfähig [ist], da sein Entwurf zum Augustinerturm eine gänzliche Ignoranz der einfachsten gotischen Formbegriffe bekundet“.

Mit mehr Erfolg setzte sich Sprenger für die Förderung der angewandten Kunst ein. Er war Gründungsmitglied des n.ö. Gewerbevereins und auf Sprengers Initiative wurde eine Abteilung für Baukunst in diesem Verein gegründet, als Forum für alle Architekten und Civil-Ingenieure. Des Weiteren eröffnete er eine „Copiranstalt für Gewerbezeichner“, für die er Gipsabgüsse aus Paris mitbrachte.

Sprenger adaptierte in seinen Bauten (von Münze zur Statthalterei bis hin zu den projektierten Kaiser-Franz-Gedächtniskirche, Altlerchenfelderkirche und Opernhaus) nachantikische Formen aus mehreren Epochen und Kulturkreisen, so öffnete er die Pforten für den Historismus in der Wiener Architektur. Was den gleichfalls romantisch denkenden und schaffenden Zeitgenossen so klassizistisch erschien, war die blockhafte, unplastische Gestaltung seiner Baukunst.

Paul Sprenger übte einen wesentlichen Einfluss auf die spätere Architektengeneration aus: seiner Vorliebe für Terrakotten als Bauornamentik folgte Hansen, und sein Opernhausentwurf diente zweifellos als Vorbild für die Wettbewerbsprojekte für die Hofoper von Hasenauer und Kirschner sowie das Carltheater von van der Nüll und Sicardsburg.
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Werke

WOHN-/GESCHÄFTSBAUTEN:
1835Landhaus des Grafen Revitzky, einst Obermeidling bei Wien (abgebrochen)
1836Miethaus Pazelt, Wien 1, Freyung (abgebrochen)
1838Miethaus Gostischa, Wien 1, Bognergasse (abgebrochen)
1840Miethaus, Wien 1, Bauernmarkt (abgebrochen)

ÖFFENTLICHE BAUTEN:
1835–1837Sudhaus, Ebensee, OÖ (abgebrochen)
1835–1838Hauptmünzamt, Wien 3, Am Heumarkt 1
1836–1838Salinengebäude, Ebensee, OÖ
1840–1841Amtshaus der Salinen, Bad Ischl, OÖ
1840–1844Hauptzollamt, Wien 3 (nach Kriegsschäden abgerissen)
1841–1847Finanzlandesdirektion, Wien 3, Vordere Zollamtsstraße 3
1841–1842Versteifung der Turmspitze von St. Stephan in Wien (von F. Schmidt erneuert)
1842Blindeninstitut, Pest / Budapest, H (abgebrochen)
1843–1844Hofkammerarchiv, Wien 1, Johannesgasse 6 (als Umbau und Zubau des alten Mariazellerhofs)
um 1844Bahnhöfe in Pest / Budapest, H; Waitzen / Vac, H; Sollnock / Szolnok, H
1845Neuer Pavillon an der Promenade, Linz, OÖ (abgebrochen)
1846–1847n.ö. Statthalterei, Wien 1, Herrengasse
1847–1848Altstädter Rathaus, Prag, Böhmen / Praha, CZ (Anbau an der Ostseite; nach Kriegsschäden abgerissen)
1848Umbau der Winterreitschule der Hofburg zum Sitzungssaal des Reichstages
1848–1852Augustinerkirche, Wien 1, Augustinerstraße (neogot. Turmhelm)
1849Pfarrkirche St. Johann ob Hohenberg, Stmk. (Turmneubau)
1850–1851Justizanstalt (ehem. Benedektinerkloster), Garsten, OÖ (Adaptierung)
1850–1852Barbarakirche, Wien 1, Postgasse
1850–1854Postdirektion (ehem. Barbarastift), Wien 1, Postgasse (Umbau, mit F. Kirschner)

INDUSTRIE-/GEWERBEBAUTEN:
1830Fabriksgebäude, Schlöglmühl, NÖ
1839Wasserturm (Maschinenhaus) des Wasserreservoirs der Kaiser-Ferdinand-Wasserleitung

INNENRAUMGESTALTUNG/DESIGN:
1840Denkmal für Erzherzog Rudolph, Bad Ischl, OÖ
1849Denkmal für General Hentzi, Ofen / Budapest, H (mit H. Bergmann; abgetragen)
1853Denkmal für Oberst Kopal, Znaim, Böhmen / Znojmo, CZ

NICHT REALISIERTE PROJEKTE:
Auswahl:
1845Kaiser-Franz-Gedächtniskirche
1848Altlerchenfelderkirche (Wettbewerb)
1849–1850Entwurf für ein neues Hofoperntheater am Kärntnertor
1850Stadterweiterungsplan für Wien
1851Projekt eines Industrieausstellungsgebäudes
1852Entwurf einer Grabkapelle für den Grafen Zichy
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Primärquellen

NACHLÄSSE UND ARCHIVE:
ABK; OESTA; Wr.Ringstraßenarchiv; TUAW; Albertina; Pfarre Schotten (Matrikenstelle); Archiv Adler
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Sekundärquellen

LITERATUR:
Anonym: Ueber das Landhaus Sr. Exz. des Grafen Revitzky in Obermeidling. In: ABZ 1.1836, S.419–421, Bl.90
R. Bösel: Der Michaelerplatz in Wien. Wien 1992
W. Cerny: Paul Sprenger. Univ.-Diss. Wien 1968
F. Czeike: Wien: Kunst, Kultur und Geschichte der Donaumetropole. Wien 1999
K. Eggert: Der Wohnbau der Wiener Ringstraße im Historismus (Die Wr.Ringstraße, B.7). Wiesbaden 1976
H. Hoffmann u.a.: Das Wiener Opernhaus (Die Wr.Ringstraße, Bd.8). Wiesbaden 1972
A. Kieslinger: Die Steine der Wiener Ringstraße (Die Wr.Ringstraße, Bd.4). Wiesbaden 1972
L. Köchel: Wilhelm Paul Eduard Sprenger. In: ABZ 20.1855 (Notizblatt), S.217-225
P. Kortz: Wien am Anfang d. 20.Jh.s. 2 Bde., Wien 1905/06
S. Kronbichler-Skacha: Die Wiener Beamtenarchitektur und das Werk des Architekten Hermann Bergmann (1816-1886). In: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, 39.1986, S.163–203
Kunsthistorische Arbeitsgruppe GeVAG: Wiener Fassaden des 19.Jh.s [6. Bezirk]. Wien 1976
K. Mollik u.a.: Planung und Verwirklichung der Wiener Ringstraßenzone (Die Wr.Ringstraße, Bd.3). Wiesbaden 1980
E.B. Ottillinger / L. Hanzl: Kaiserliche Interieurs: die Wohnkultur des Wiener Hofes im 19.Jh. Wien 1997
M. Paul: Technischer Führer durch Wien. Wien 1910
F. Rieger: Die Altlerchenfelder Kirche. Wien 1911
E. Schmalhofer: Paul Sprenger, 1798–1854, Architekt im Dienste des Staates. Univ.-Diss. Wien 2000
E. Springer: Geschichte und Kulturleben der Wiener Ringstraße (Die Wr.Ringstraße, Bd.2). Wiesbaden 1979
W. Wagner: Die Geschichte der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Wien 1967
R. Wagner-Rieger: Wiens Architektur im 19.Jh. Wien 1970
R. Wagner-Rieger: Geschichte der Architektur in Wien. Vom Klassizismus bis zur Secession. In: Geschichte der bildenden Kunst in Wien. Bd.3, Wien 1973
M. Wehdorn: Die Bautechnik der Wiener Ringstraße (Die Wr.Ringstraße, Bd.11). Wiesbaden 1979

HINWEISE AUF WERKE:
Wiener Bauindustrie-Zeitung
16.1899, S.23, T.75 (Das Franz Josef-Tor bei d. Dominikanerbastei)

NACHSCHLAGEWERKE:
Dehio Wien/1 (I.Bez); Dehio Wien/2 (II.–IX.u.XX.Bez.); Dehio Wien/3 (X.–XIX.u.XXI.–XXIII.Bez.); Dehio OÖ

LEXIKA:
Wurzbach; ThB; ÖBL; Czeike

INTERNETLINKS:
wikipedia.de
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Anmerkungen
Eingegeben von: Diego Caltana
Eingegeben am: 01.10.2013
Zuletzt geändert: 18.11.2013
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