Brentano, Franz

[77] Brentano, Franz, geb. 1838, früher katholischer Theologe, Professor in Würzburg und Wien, lebt seit 1902 in Florenz.

B., der von Aristoteles und der Scholastik in manchem beeinflußt ist, ist »Psychologist«. Die Psychologie ist die Grundlage der Philosophie, auch der Logik. Die Psychologie muß in erster Linie beschreibend, deskriptiv sein; sie ist die Wissenschaft von den psychischen Erscheinungen und introspektiv, auf innerer Wahrnehmung beruhend. Die innere Beobachtung ist durch das Gedächtnis vermittelt. Das Psychische hat unmittelbare, absolute Realität, das Physische ist uns nur als Phänomen gegeben, nicht in seiner unmittelbaren Wirklichkeit. Die Empfindungen sind physisch; psychisch sind Dur die psychischen Akte, welche »intentional« (als Inhalt) einen Gegenstand enthalten. »Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker... die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben... Jedes enthält etwas als Objekt in sich« (Psychol. S. 115). Einzuteilen sind die psychischen Phänomene in Vorstellungen, Urteile, Gemütsbewegungen (Phänomene der Liebe und des Hasses).

- Das Urteilen setzt das Vorstellen voraus, ist aber von diesem fundamental unterschieden, ein eigener, unableitbarer Bewußtseinsakt (»Idiogenetische« Urteilstheorie: F. Hillebrand). Das Urteil ist (ähnlich schon Occam, J. St. Mill u. a.) ein (als wahr) Anerkennen oder (als falsch) Verwerfen einer Vorstellung (A ist, A ist nicht). Es kommt hier zum Vorstellen eine zweite intentionale Beziehung hinzu, ein Existenzbewußtsein. Die Urteile lassen sich alle auf Existentialsätze zurückführen, es ist für sie nicht wesentlich, aus Subjekt und Prädikat zu bestehen. Die »Impersonalien« (»subjektlosen« Sätze) sind das Muster des Urteilens, da sie nur »anerkennen« oder »verwerfen«. Die »Existenz« ist aus dem Urteil abzuleiten. »A ist« heißt: »A wird als wahr anerkannt.« Ob ich sage, »ein Urteil ist wahr« oder »sein Gegenstand existiert«, stets sage ich dasselbe. »Wir nennen etwas wahr, wenn die darauf bezügliche Anerkennung richtig ist.« Bejahung und Verneinung sind die Formen des Urteils, die Unterschiede der »Quantität« gehören nur zur Materie des Urteils (»Qualitative« Logik). Gegenüber der Aristotelischen Logik erklärt B., jeder Syllogismus bestehe aus vier (nicht drei) Begriffen (Termini), so daß die sog. »quaternio terminorum« kein Fehler ist (Psychol. I, 303; ausgeführt von Hillebrand).[77]

In der Ethik ist B. »Intuitionist«. Es gibt eine Evidenz des Guten, Sittlichen. Eine »innere Richtigkeit« zeichnet die sittlichen Willensakte aus. Das Gute ist »das mit richtiger Liebe zu Liebende« (Vom Urspr. sittl. Erk., S. II, 17 ff.).

Anhänger Brentanos sind Marty, E. Arleth. Miklosich, Fr. Hillebrand, O. Kraus. Kastil, H. Bergmann u. a. Ausgegangen von B. sind Meinong, Höfler u. a. (Meinong-Schule).

SCHRIFTEN: Die Psychologie des Aristoteles, 1867. – Psychol. vom empir. Standpunkt I, 1874. – Vom Ursprung sittl. Erkenntnis, 1889. – Das Genie, 1892. – Das Schlechte als Gegenstand dichter. Darstell., 1892. – Üb. d. Zukunft d. Philos., 1893. Die vier Phasen der Philos., 1895. – Untersuch. zur Sinnespsychol., 1907.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 77-78.
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