Begleittexte:
 
 

Willkommen bei den Rektoratsreden

In der Rektoratsrede suchte die Universität, den eigenen Standort in der Wissenschaft und in der Gesellschaft zu bestimmen und dieses Selbstbild einer größeren Öffentlichkeit zu vermitteln. Es war kein Zufall, daß daraus im 19. Jahrhundert ein festes Ritual wurde. Damals entwickelte sich im deutschsprachigen Raum die moderne Universität, die Forschung und Lehre zusammenführt. Die Spannungen, die aus dieser Doppelaufgabe hervorgehen, begleiten die Geschichte der Universität bis heute. Die Rektoratsrede erwuchs aus dieser Spannung. Das Auslaufen dieser Redetradition in Deutschland Ende der 1960er Jahre läßt einen tiefgreifenden Wandel in der Kommunikation zwischen Hochschule und Gesellschaft bzw. Hochschule und Politik erkennen. Die Rektoratsrede ist nicht mehr der Ort, an dem sich die Universität ihres Ortes in der Gesellschaft und ihrer Bedeutung für sie zu versichern vermag.

In der Schweiz hingegen lebt diese Redetradition mit Modifikationen als ein fester Teil des Dies Academicus noch heute. An den Universitäten Basel, Genf, Lausanne, Neuchâtel, St. Gallen (seit 1939) und Zürich sprechen zu diesem Anlaß stets die Rektoren. An ihre Stelle treten in Bern, Fribourg und an der ETH Zürich seit den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts teilweise Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. So verfährt auch die Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne, eine seit 1969 von der Universität Lausanne unabhängige technische Hochschule.

Die Rektoratsreden sind Fachvorträge, aber keine Reden im Elfenbeinturm, in dem die Universität sich nie verschanzt hat. Sie schauen auf die Entwicklungen in Staat und Gesellschaft, betrachten die Universität als Institution in ihrer inneren Vielfalt und in ihrem sozialen Umfeld oder stellen fachspezifische Forschungen vor, um einem fachfremden Publikum die Bedeutung der eigenen Disziplin für Wissenschaft und Gesellschaft einsichtig machen zu können.